Untergangsritual

Hin und wieder fahren wir bei schönem Sommerwetter abends ins übernächste Dorf um dort Zeuge eines putzigen Rituals zu werden:

Da traut sich nämlich der scheue Tourist aus seiner Höhle und begibt sich, allein oder in kleinen Gruppen, zum Strand um dort den Untergang der Sonne zu feiern.

Gerne versucht er dabei, ehrfürchtig beschwörende “Ahhhs” und “Oooohs” murmelnd, diese Augenblicke mit modernen kleinen Kameras festzuhalten, um die so entstandenen Werke umgehend mit der ganzen Welt zu teilen, auf dass dies mit nach oben gestreckten Daumen, kleinen Herzen und gelben, lachenden Gesichtern honoriert werden möge – gleichwohl verdrängend, dass solche Fotos nicht mal ansatzweise die Größe und Erhabenheit dieses Moments widerspiegeln.

Um den scheuen Touri bei seinem Ritual nicht zu stören oder gar in die Flucht zu schlagen halten wir uns ein wenig abseits und genießen unsererseits den Blick aufs Wasser – einen Blick, den wir jeden Tag haben könnten, wären wir nicht zu faul für die zehnminütige Anfahrt.

Kaum ist die Sonne untergegangen ist das Schauspiel aber auch schon wieder vorbei und der scheue Tourist zieht sich, andächtig schweigend oder erregt schnatternd, wieder zurück in seine Höhle.

Lediglich ein paar Unerschrockene versuchen mit Hilfe eines Feuers die Sonne zu beschwören, auf dass sie auch am nächsten Tag wieder am Himmel scheinen möge.

Wir Einheimische wissen natürlich, dass dieses Ritual keinerlei Auswirkung auf die Sonnenstrahlen des nächsten Tages haben wird, aber wer wären wir, den Aberglaube dieser possierlichen Touris in Frage zu stellen. Schließlich wollen wir auch in Zukunft diese kleinen Racker, die vor diesem Sommer fast schon vom Aussterben bedroht schienen, und ihre putzigen Rituale beobachten…

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